20.04.2026

Schweizer Schützenmedaillen

Die Rolle des Schweizer Schützenwesens im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des neuen Nationalismus der Schweizer Nation

Schuetzenfeste-00-Header-02

Ursula Kampmann zur Geschichte der Schweizer Schützenfeste im 19. Jahrhundert anlässlich der SINCONA Auktion 104: «Die Sammlung Rod K. Moore: Schweizer Schützenmedaillen und Memorabilia – Teil 1» im Rahmen der SINCONA Auktionen 103–105 vom 18.–20. Mai 2026 in Zürich.

Am 19. Mai 2026 versteigert das Zürcher Auktionshaus SINCONA den ersten Teil der Sammlung Rod K. Moore Schweizer Schützenmedaillen und Memorabilien. Dieses Sammelgebiet erlebt derzeit weltweit einen Boom. Was fasziniert die Sammler daran? Ist es die Tatsache, dass sie bezeugen, dass eine mittelalterliche Tradition bis heute lebendig ist?

 

Basel. Silbermedaille 1844 auf das Eidgenössische Freischiessen zu Basel. Richter 87b. Fast FDC. Taxe: 150 CHF. Los 2037 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

«Der Schild zerbrochen / das Schwert entzwei / das Banner in Sterbender Hand. / Triumph! Das Vaterland bleibt frei / Gott segne das Vaterland.» Diese Verse liest man auf der Rückseite einer Medaille, die Antoine Bovy anlässlich des grossen Eidgenössischen Schützenfestes in Basel am 16. August 1844 schuf. Das Bild auf der Vorderseite inszeniert diese Verse: Da liegt er, der jugendliche Held mit langem, wallendem Haar malerisch auf ein paar Stufen hingestreckt. Das zerbrochene Schwert gleitet dem Sterbenden aus der Hand. Mit letzter Kraft reckt er das Banner mit dem Schweizerkreuz empor.

Diese Darstellung erinnert an den Opfertod von Schweizer Soldaten in der Schlacht bei St. Jakob an der Birs am 26. August 1444, ein Datum, das sich auch auf der Medaille findet. Ältere Eidgenossen fühlen sich sofort an die patriotischen Texte ihrer Kindheit erinnert. Mit glühenden Wangen haben sie damals gelesen, wie 1.500 friedliche Basler zu den Waffen griffen, um sich den 20.000 Armagnaken Karls VII. in den Weg zu stellen, und so die Schweiz vor der Eroberung retteten.

Oder so ähnlich. Denn mit der Realität hat weder die Darstellung auf der Medaille noch die patriotische Überlieferung zu tun. Die war viel prosaischer: Die Zürcher wollten ihr Gebiet auf Kosten ihrer Nachbarn vergrössern. Die wehrten sich, und Zürich rief die Habsburger zu Hilfe. Die wiederum wendeten sich…

Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die wir uns für eine andere Gelegenheit aufheben. Wir möchten uns stattdessen ansehen, warum das Schweizer Schützenwesen im 19. Jahrhundert so einen Aufschwung nahm, welche Rolle die Schützenfeste im Rahmen des neuen Nationalismus spielten und wie patriotische Themen und Parolen genutzt wurden, um nach der französischen Fremdherrschaft aus den einzelnen Kantonen das zu schaffen, was wir heute als die Schweizer Nation kennen.

 

Schützenfest des 16. Jahrhunderts. Die Schützen feuern aus kleinen Bretterbuden heraus auf eine im Bild unsichtbare Scheibe. Detail einer Schweizer Wappenscheibe des 16. Jahrhunderts. Gotisches Haus, Wörlitz. Foto: KW

Ein wehrhaftes Land und eine alte Tradition

Aber gehen wir ganz an den Anfang zurück, kehren wir zurück in ein Land, das noch keine Nation ist, sondern ein Konglomerat verschiedenster Organisationsformen, von Städten mit dem von ihnen beherrschten Umland, von Bauernbünden, Klöstern und lokalen Adligen. Sie alle treffen sich in der Tagsatzung, um ihre Angelegenheiten zu besprechen, handeln aber nicht gemeinsam, sondern meist jeder für sich. Wir befinden uns am Beginn der frühen Neuzeit, irgendwann um das 15./16. Jahrhundert, als die Schweiz noch ein agrarisches Land war, in dem viel zu viele Söhne geboren wurden, die in der Schweiz kein Auskommen fanden. 

Exportschlager der Schweiz war damals nicht die Schokolade, sondern waffenerprobte Söldner. Schweizer Reisläufer kämpften für alle, die sie zahlen konnten. Sie kämpften für den Papst, den französischen König, für italienische Städte und gelegentlich auch für die eigene Regierung. Bern zum Beispiel dehnte seinen Einflussbereich derart aus, dass es dem Burgundischen Herzog in die Quere kam, damals vermeintlich der mächtigste Mann Europas. Was dann geschah, fassen die Schweizer lakonisch folgendermassen zusammen: Karl der Kühne verlor bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Gut. 

Vergessen Sie also bitte all die Mythen, die sie über die bäuerlichen Freiheitskämpfer gelesen haben. Die Zürcher, die Berner, die Genfer und die Bündner wussten sehr wohl um ihre militärische Macht. Dementsprechend wurde der Nachwuchs geschult – wie übrigens auch in anderen Städten Zentraleuropas. Ein Teil der Ausbildung fand in den reichsstädtischen Schützengesellschaften statt. Dort lernten die Bürger zu schiessen. Schliesslich war damals nicht nur das Steuerzahlen Bürgerpflicht, sondern auch die Verteidigung der eigenen Stadt mit der Waffe in der Hand.

In der Schweiz sind viele Schützenvereine stolz darauf, ihre Geschichte bis in diese Epoche zurückverfolgen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist die «Schützengesellschaft der Stadt Zürich», die erstmals am 16. August 1474 erwähnt wird, als sie von den «Schiessgesellen von Luzern» zu einem Wettschiessen eingeladen wurde.

 

Das Luzerner Löwendenkmal erinnert an den Opfertod eines Grossteils der Schweizer Garde, die König Ludwig XVI. die Treue hielt. Es wurde im Jahr 1821 eingeweiht. Foto: KW

Die Französische Revolution, Napoleon und ein militärisches Desaster

Noch heute sind die Eidgenossen sehr stolz auf die Treue der Schweizergardisten, die am 10. August 1792 ihren Soldherrn König Ludwig XVI. kompromisslos verteidigten. Wie viele dabei den Opfertod starben, ist umstritten. Was ihrer Treue aber keinerlei Abbruch tut. 

Boshafte Zungen könnten allerdings behaupten, dass dieser Opfertod in der Schweiz deshalb so gefeiert wird, weil der Rest der Schweiz anlässlich der französischen Invasion des Jahres 1798 versagte. Ein Kanton nach dem anderen kapitulierte. Die stolzen Berner zum Beispiel mussten zähneknirschend zusehen, wie die Franzosen nicht nur ihre Wappentiere, sondern auch den Staatsschatz abtransportierten. Es kam zu keinem grossen Freiheitsaufstand in der Schweiz, stattdessen sangen Schweizer Soldaten das Beresina-Lied, während sie für Napoleon in den Weiten Russlands krepierten. 

Auch der Neubeginn nach dem Wiener Kongress fand ohne wesentliches Zutun der Schweiz statt. So war das Land nach 1815 gedemütigt und zerrissen, zwischen Konfessionen und unterschiedlichen politischen Ansichten. Langsam begann die Idee einer Nation zu reifen, die alle sprachlichen, regionalen und konfessionellen Unterschiede übertünchen sollte.

Silbermedaille von 1892 auf den 100. Jahrestag der Verteidigung der Tuilerien. Sie zeigt das Löwendenkmal von Luzern. Vorzüglich bis FDC. Los 1443 der SINCONA Auktion 103 (18–19. Mai 2026)

Teil dieser Idee wurde das Luzerner Löwendenkmal, dessen Kosten mit Hilfe einer Subskription getragen wurden. 1818 ging ein Spendenaufruf an «alle, welche das Vaterland lieben». Finanziert haben es dann doch nicht die Nationalisten, sondern Vertreter des Ancien Régime, unter ihnen der Zar von Russland, der König von Preussen und natürlich die französische Königsfamilie.

 

Quittung für eine Ehrengabe, die als Preisgeld an die besten Schützen auf die Hauptscheibe verteilt wurde. Schweizer Schützenmuseum Bern. Foto: KW.

Das Eidgenössische Schützenwesen

Nicht einmal drei Jahre später fand, initiiert vom Aargauer Schützenmeister Karl Ludwig Schmid-Guiot, 1824 das erste Eidgenössische Schützenfest in Aarau statt. Es war eine Weiterentwicklung der regionalen Schützenfeste, in denen Schützen verschiedener Vereine seit jeher ihr Können massen. Sein Umfang war bescheiden, und Medaillen wurden damals (noch) nicht geprägt. Aber es stellte die Weichen; denn Schmid-Guiot schlug vor, einen Eidgenössischen Schützenverein quasi als Dachorganisation aller lokalen Vereine auf Schweizer Boden zu gründen.

Dies geschah formal 1827 beim nächsten Eidgenössischen Schützenfest in Basel. Der Zweck des Vereins wurde folgendermassen formuliert: «Ein Band mehr zu ziehen um die Herzen der Eidgenossen, die Kraft des Vaterlandes durch Eintracht und nähere Verbindung zu mehren und nach eines jeglichen Vermögens gleichzeitig zur Förderung und Vervollkommnung der schönen, sowie zur Verteidigung der Eidgenossenschaft höchst wichtigen Kunst des Scharfschiessens beizutragen: das mag der Zweck des Eidgenössischen Schützenvereins sein.»

 

Silbermedaille anlässlich des Eidgenössischen Schützenfests von 1830 in Bern. Richter 180a. Äusserst selten. Fast FDC. Taxe: 1.000 CHF. Los 2072 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Vereint das Vaterland verteidigen

Viele Aufschriften und Abbildungen auf Schützenmedaillen greifen diese hehren Ideale auf. Vereint für die Verteidigung des Vaterlands, damit sollte der nationale Gedanke gefördert und die Schmach der Niederlage gegen Frankreich vergessen werden.

Ein gutes und frühes Beispiel für diese Geisteshaltung ist eine Silbermedaille, die anlässlich des Eidgenössischen Schützenfests von 1830 in Bern geprägt wurde. Sie mahnt die Betrachter: Seid IMMER BEREIT. Ihre Rückseite fordert, dass ALLE NACH EINEM ZIELE streben. Dieses Motto wird durch die Darstellung illustriert: Die Gewehre sind zu einer Pyramide zusammengestellt, deren Spitze die Schweizer Fahne deckt. Die Schützen nehmen nämlich stolz für sich in Anspruch, dass sie die ersten waren, die das Schweizer Kreuz auf die gemeinschaftliche Fahne gesetzt, und es so zum nationalen Symbol gemacht haben.

Die Medaille zeigt noch ein anderes Symbol der Einigkeit. Zwischen den Gewehren sieht man ein Liktorenbündel, das häufig auf Schützenmedaillen erscheint - und nicht nur wenn das Wappen des Kantons St. Gallen gemeint ist. Es erinnert mit seinen zum Bündel gebundenen Stäben daran, dass das, was einzeln nur zu leicht zerbricht, gegen jede Gewalt hält, solange es zusammenbleibt.

 

Silbermedaille anlässlich des Eidgenössischen Schützenfests von 1879 in Basel. Richter 104a. Äusserst selten. Vorzüglich. Taxe: 500 CHF. Los 2043 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Wie gut passt in diesen Zusammenhang ein Zitat, das wir vor allem mit dem Roman «Die drei Musketiere» von Alexandre Dumas verbinden: Einer für alle, alle für einen. Tatsächlich ist dieser Spruch wesentlich älter. Die Literaturgeschichte nennt William Shakespeare als Urheber.

Die Schweiz entdeckte das Motto im Jahr 1868 für sich, als schwere Regenfälle grosse Teile des Landes verwüsteten. Der Lago Maggiore stieg auf seinen historischen Höchststand. 51 Personen kamen ums Leben, 18.000 verloren ihren Besitz. Der vom Schweizer Bundesrat erlassene Spendenaufruf wurde durch die Schweizer Presse unter dem bekannten Motto verbreitet. Es hat seit damals Karriere gemacht und ist sogar in der Kuppel des Berner Bundeshauses zu lesen.

In Schützenkreisen will man wissen, dass dieser Spruch bereits seit 1836 – also noch vor Dumas! – in Reden verwendet wurde, wie man sie bei der Übergabe der Fahne vom scheidenden Präsidenten an seinen Nachfolger hielt. Die Medaille, auf der wir das Motto in französischer Sprache finden, wurde allerdings erst wesentlich später geprägt, nach 1868, und zwar 1879. Das Motto ist mit einer stolzen Helvetia kombiniert, die ihre mit Lorbeer bekränzte Fahne und den Schweizer Schild zwei Schützen vorausträgt. Hinter der Gruppe geht die glänzende Sonne der Zukunft auf.

 

Goldmedaille anlässlich des Kantonalen Schützenfests in Solothurn von 1890. Richter 1121. Unikat. Vorzüglich bis FDC. Taxe: 7.500 CHF. Los 2360 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Einer für alle, das spielt auf die Opferbereitschaft des Individuums an, die gleich unser erstes Beispiel für eine Schützenmedaille illustrierte. Die gleiche Opferbereitschaft feiert eine nur in einem einzigen Exemplar in Gold geprägte Medaille, die den solothurnischen Politiker Niklaus von Wengi im entscheidenden Moment seines Lebens zeigt.

Der überzeugte Katholik wurde 1533 zum Schultheissen von Solothurn gewählt. Eine reformierte Minderheit versuchte, ihn zu stürzen und löste damit einen Bürgerkrieg aus. Die Reformierten verschanzten sich in der Vorstadt, um dort auf Hilfe aus dem bereits reformierten Bern zu warten. Innerhalb der Stadtmauer holten die Katholiken die Kanonen aus dem Zeughaus. Sie planten, die Reformierten zu vernichten, ehe die Berner eingreifen konnten. Der erste Kanonenschuss fiel. 

In dieser Situation stellte sich Niklaus von Wengi vor die Mündung der zum Schuss bereiten zweiten Kanone. Er wolle der erste Tote sein, wenn es denn zum Bürgerkrieg kommen müsse. Es musste nicht. Verhandlungen wurden eingeleitet, und die Reformierten erlebten, dass einer, der keinen Krieg führen will, trotzdem in der Lage ist, seine Position in einer Verhandlung konsequent zu vertreten. Solothurn ist bis heute katholisch. 

In der Schweiz des 19. Jahrhunderts war diese Überlieferung von besonderer Bedeutung, weil die Eidgenossenschaft noch im Jahr 1847 einen Religionskrieg führte, in dem die reformierten, meist liberalen Kantone gegen die konservativen, meist katholischen des Sonderbunds kämpften. Die Bundesverfassung von 1848 war ein Ergebnis des Siegs der liberalen Kräfte.

 

Goldmedaille anlässlich des Kantonalen Schützenfestes von 1893 in Zürich. Richter 1754a. Nur 75 Exemplare geprägt. Fast FDC. Taxe: 3.500 CHF. Los 2545 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Kommen wir zum Klassiker der Motive von Schützenmedaillen. Kommen wir zu Wilhelm Tell, der auf dieser Zürcher Medaille von 1893 in Gestalt des berühmten Telldenkmals von Altdorf zu sehen ist. 1893? Wer unter Telldenkmal bei Wikipedia nachschlägt, wird überrascht feststellen, dass dieses Denkmal erst am 28. August 1895 auf dem Rathausplatz von Altdorf errichtet wurde. Wie konnte es also schon auf einer Zürcher Medaille von 1893 abgebildet sein?

 

Der Bildhauer Richard Kissling arbeitet in seinem Zürcher Atelier an der Tellstatue für Altdorf. Foto von 1892. Schweizer Illustrierte Zeitschrift 8 (1904), S. 301. © cc-by-sa 4.0

Des Rätsels Lösung ist ein Wettbewerb und ein Künstler, der in Zürich sein Atelier hatte. Der Wettbewerb zum Telldenkmal, an dem sich 30 Künstler aus dem In- und Ausland beteiligten, wurde 1892 eindeutig zu Gunsten von Richard Kissling entschieden. Der führte in seinem Atelier den Entwurf aus – und Hugues Bovy, der diese Medaille schuf, nahm dafür, wie auf dem Feld der Rückseite links zu lesen, den Entwurf von Richard Kissling als Vorbild.

 

Silbermedaille anlässlich des Eidgenössischen Schützenfests von 1867 in Schwyz. Richter 1073a. Äusserst selten. Fast FDC. Taxe: 1.000 CHF. Los 2346 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Wir könnten so noch endlos weitermachen. Auch der Schwur der drei Eidgenossen, der auf dieser Medaille zu sehen ist, die anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes von 1867 in Schwyz geprägt wurde, passt wunderbar in diesen Zusammenhang, genau wie die Aufschrift DURCH EINTRACHT STARK. Aber gehen wir lieber zu einem anderen Thema über. Denn die Medaille zeigt uns detailliert, wie das Festgelände eines Eidgenössischen Schützenfestes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aussah. 

Die Schützenfeste 

Im Mittelpunkt sehen wir den Pavillon, in dem die Prämien, Sachpreise und Ehrengeschenke für die siegreichen Schützen ausgestellt waren. Über ihm weht die Fahne mit dem Schweizerkreuz sowie die Schützenfahnen der Vereine, die an dem Schützenfest teilnahmen. Rechts vom Pavillon steht das Festzelt, wo die offiziellen Anlässe stattfanden und während des Wettbewerbs Erfrischungen gereicht wurden. Links davon ist die Tribüne sowie die ein winziger Ausschnitt der langen Galerie, in der die Schützen standen, um von dort aus auf Scheiben zu schiessen.

Gelände des Eidgenössischen Schützenfestes, durchgeführt 1863 in La Chaux-de-Fonds

Wir kennen viele Abbildungen der verschiedenen Festgelände, auf denen sich genau diese Elemente wiederfinden. Eine davon ist ein zeitgenössischer Stich, der das Festgelände zeigt, das 1863 anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes von La Chaux-de-Fonds aufgebaut wurde. 

Auch hier sehen wir vorne zentral im Mittelpunkt den Pavillon für die Ehrengeschenke, der mit den Fahnen der teilnehmenden Vereine geschmückt ist. Rechts davon ist das grosse Festzelt erbaut. Die Stände für die Schützen rahmen das Festgelände auf der linken Seite ein.

 

Goldmedaille auf das Eidgenössische Schützenfest in Neuenburg von 1898. Richter 970a. Nur 19 Exemplare geprägt! Im Originaletui. Fast FDC. Taxe: 6.000 CHF. Los 2310 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Wie wir uns das Geschehen in diesen Schützenständen vorstellen dürfen, zeigt eine nur in 19 Exemplaren geprägte Goldmedaille, die anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes in Neuenburg von 1898 entstand. Sie präsentiert Bürger und Soldaten einträchtig nebeneinander, wie sie ihre Gewehre laden, anlegen, feuern und sich über einen guten Schuss freuen. Für die Darstellung verantwortlich ist der Neuenburger Künstler Fritz Landry, der das «Vreneli» schuf.

Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Anzüge, in die die Bürger gekleidet sind: Sie tragen den langen Bratenrock, den zivilen Anzug oder eine Art langen Überwurf. Damit spiegelt Landry die Vielfalt der Teilnehmer so einer Veranstaltung. Denn seit im Jahr 1859 festgelegt wurde, dass sich auch ausländische Schützen an den Eidgenössischen Schützenfesten beteiligen durften, strömten die nationalen Schützenvereine der befreundeten Länder geradezu zu diesen Events. Zu dem Eidgenössischen Schützenfest von 1863 in La Chaux-de-Fonds zum Beispiel, dessen Festgelände wir gesehen haben, kamen Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Italien und den USA.

 

Goldene Siegermedaille anlässlich des Eidgenössischen Schützenfests in Frauenfeld von 1890, gestiftet von der italienischen Regierung. Richter 1251a. Unikat mit Originalhenkel. Vorzüglich bis FDC. Taxe: 10.000 CHF. Los 2396 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Welche Bedeutung diese Schützenfeste hatten, illustriert dieser Preis, den keine lokale Grösse oder Institution, sondern die italienische Regierung anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes in Frauenfeld von 1890 stiftete. Es handelt sich um ein Unikat, das keinen Zweifel offenlässt, wer das wertvolle Stück sandte. «Die Italiener den Schweizer Schützen», steht in italienischer Sprache auf der Rückseite zu lesen. Vorne ist ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen dargestellt. Das Kreuz auf seiner Brust steht nicht für die Schweiz, sondern für das Haus Savoyen. Auf die italienischen Könige weist auch die Krone hin sowie die Tafel, die der Adler in seinen Krallen hält. Dort lesen wir in lateinischer Sprache: «Für das Vaterland und den König.» Ein bemerkenswertes Motto für den Sieger in einem eidgenössischen Schützenfest.

 

Goldmedaille auf das Eidgenössische Schützenfest von 1895 in Winterthur. Richter 1756a. Nur 44 Exemplare geprägt. Im Originaletui. Fast FDC. Taxe: 6.500 CHF. Los 2546 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Damit sind wir bei den Preisen angekommen, mit denen die Schützenkönige auch heute noch im Rahmen eines Eidgenössischen Schützenfestes belohnt werden. Eine Goldmedaille, die anlässlich des Eidgenössischen Schützenfestes von 1895 in Winterthur in lediglich in 44 Exemplaren geprägt wurde, zeigt zu Füssen der Stadtgottheit mehrere Kränze, die häufigste Auszeichnung der Sieger. Wer eine bestimmte Punktzahl erreichte, erhielt einen Kranz, häufig zusammen mit einem tragbaren Kranzabzeichen.

Zentral ist auf dieser Medaille ein Schützenpokal dargestellt. Becher und Pokale sind seit der frühen Neuzeit ein traditionelles Geschenk bzw. eine Belohnung. Sie waren damals kein Schmuck für die gute Stube, sondern aus reinem Silber gefertigt und damit bares Geld. Viele Menschen und Vereine bewahrten ihr Sparguthaben in Form von silbernem Tafelgeschirr auf.

 

Ehrengeschenk anlässlich des Kantonalen Schützenfestes in Baden von 1896. Gestiftet von der Regierung des Kantons Aargau. Unikat. Schätzung: 13.000 CHF. Los 2008 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Erst im 19. Jahrhundert verdrängte das Bargeld die Sachpreise, wie zwei Ehrengeschenke illustrieren, die SINCONA im Rahmen der Versteigerung der Sammlung Moore anbieten kann. Sie stammen beide nicht aus einem Eidgenössischen Schiessen, sondern von einem der vielen Kantonalen Schützenfeste, die wesentlich häufiger stattfanden als die grossen Eidgenössischen Treffen.

500 Franken stiftete die Regierung des Kantons Aargau anlässlich des Kantonalen Schützenfestes in Baden von 1896. Das war eine erhebliche Summe. Bemerkenswert ist die liebevolle Aufmerksamkeit, mit der die 20 Franken-Stücke in einer sehr aufwändig hergestellten Schatulle im Pavillon der Ehrengeschenke präsentiert wurden.

 

Ehrengeschenk anlässlich des Kantonalen Schützenfestes in Genf von 1902. Unikat. Taxe: 5.000 CHF. Los 2217 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Dies ist auch der Fall bei einem Ehrengeschenk, das vielleicht ein oder mehrere Genfer anlässlich des Kantonalen Schützenfestes von 1902 stifteten. Der Wert der darin präsentierten Münzen beträgt die unrunde Summe von 215 Francs. Bemerkenswert ist, dass es sich ausschliesslich um französische Münzen handelt, die im Rahmen der Lateinischen Münzunion in der Grenzstadt Genf mit Sicherheit wesentlich leichter zu haben waren als Schweizer Prägungen.

Ehrengeschenke sind extrem selten, denn die meisten Schützenkönige gaben das Geld, das sie gewonnen hatten, lieber aus, so schön die Verpackung auch gewesen sein mag. Nur ein ganz besonders reicher Schützenkönig, dessen Familie über viele Jahrzehnte hinweg ihren Reichtum bewahrte, konnte es sich leisten, die meist kommunen Münzen in ihrer Schatulle zu lassen.

 

Goldmedaille auf das Erste Bundesschiessen des Schweizer Schützenbunds in New Jersey von 1897. Äusserst selten. Vorzüglich bis FDC. Taxe: 3.000 CHF. Los 2654 der SINCONA Auktion 104 (19. Mai 2026)

Schweizer Schützenvereine im Ausland

Schliessen wir mit einem Blick nach Nordamerika, wo das schweizerische Schützenwesen ebenfalls blühte. Und nicht nur dort. Die Schweiz war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Auswanderungsland, das zahlreiche Emigranten verliessen, um sich in anderen Ländern ein neues Leben aufzubauen. Natürlich nahmen sie ihre Gewohnheiten und ihre Bräuche mit. In vielen Gegenden, in denen genügend Schweizer siedelten, entstand ein Schweizer Schützenverein, in dem heimatliches Brauchtum gepflegt wurde.

Das letzte Beispiel erinnert an das erste Bundesschiessen des Schweizer Schützenbundes der Veteranenschützen von Nordamerika, das 1897 in New Jersey stattfand.

Die Medaille zeigt - in nicht allzu kunstvoller Manier - über den verbundenen Wappenschilden der Schweiz und der USA eine Fülle von Gestalten, die alle mit Bedeutung aufgeladen sind: In der Mitte entdecken wir das Telldenkmal von Altdorf, links davon steht Helvetia mit dem Schweizerkreuz auf der Brust. Sie stützt ihre linke Hand auf ein Liktorenbündel. Die rechte Seite nimmt die Personifikation der USA ein, die auf einem Stab den Freiheitshut balanciert.

Gerade die letzte Medaille zeigt, dass die Ideale, die die schweizerischen Schützenmedaillen vermitteln, international verstanden werden: Eine bewaffnete Friedfertigkeit, in der alle für den einen eintreten und einer für alle kämpft, ist eine Vorstellung, die auch heute noch beflügeln kann.

Gerade in einer Zeit, in der wir neu zu verstehen lernen, dass man sich auf den Krieg vorbereiten muss, um den Frieden zu bewahren, sind Schützenmedaillen ein Sammelgebiet, das attraktiv und interessant ist. Und das Beste daran: Auch wenn es grosse Raritäten gibt, die sich im vier- und fünfstelligen Bereich bewegen, sind die meisten Schützenmedaillen immer noch sehr erschwinglich.

 

 

Newsletter

Bleiben Sie mit unserem Newsletter auf dem Laufenden.