14.08.2026

Grosse Goldmünzen: Mehr als ein Zahlungsmittel mit hohem Wert

Ursula Kampmann erhellt die Prägung von Grossgoldmünzen in der frühen Neuzeit aus der Perspektive einer ständischen Ökonomie und Diplomatie der Gabe und des Geschenkes.

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SINCONA Lake View Collection · Texte und Kontexte I / Grossgoldmünzen hatten in der frühen Neuzeit neben ihrem finanziellen einen erheblichen sozialen Wert. Sie machten Stand, Status, Verdienste und Loyalitäten sichtbar.

Grossgoldmünzen zu verteilen, war in der frühen Neuzeit ein Zeichen wirtschaftlicher und politischer Macht – natürlich auch in der Schweiz. Wer andererseits eine oder gar mehrere Grossgoldmünzen besass, konnte sich zur gesellschaftlichen Elite rechnen. 

Von diesen sozialen Geflechten wechselseitiger Verbindungen und Verbindlichkeiten, aber auch vom Wettbewerb des öffentlich manifestierten «Vermögens zu Gabe und Geschenk» auf Seiten der Herrschenden handelt dieser erste, in die Thematik einführende Artikel einer Serie von Ursula Kampmann zur faszinierenden Geschichte Schweizer Gold- und Grossgoldprägungen. Sie wurden anlässlich der Versteigerung der SINCONA Lake View Collection, einer aussergewöhnlichen Sammlung Schweizer Goldmünzen von ihr verfasst. 

In den kommenden SINCONA Herbstauktionen 106–110 vom 26.–30. Oktober 2026 wird der erste von insgesamt drei Teilen der Lake View Collection angeboten.

 

Ausschnitt aus einer Darstellung der Schlacht von Dreux im Jahr 1562, in der sich der 38-jährige Ludwig Pfyffer auszeichnete und zum Obersten des Leibregiments des französischen Königs ernannt wurde. Die Schweizer waren berühmt für ihre «Gewalthaufen», mit denen sie als Fusssoldaten der Reiterei effektiven Widerstand leisteten. Kupferstich von 1570.

Goldketten und Gnadenpfennige

Wir gehen ins Jahr 1582 und befinden uns mitten in einem der vielen Kriege, die Frankreich damals führt. Das Verhältnis zum katholischen Teil der Schweiz ist deshalb eng. Schliesslich sind Söldner der wichtigste Schweizer Exportartikel, heiss begehrt am französischen Hof. Das Geschäft wird von erfahrenen Unternehmern abgewickelt. Der wohl bekannteste unter ihnen ist Ludwig Pfyffer aus Luzern. Er heuert seine Landsleute an, überprüft ihr Können, ihre Bewaffnung, trainiert sie, schmiedet sie zu einer Kompanie – damals sagte man Fähnlein – zusammen. Dann sucht er einen Auftraggeber und vermietet sich und seine Söldner mit gutem Gewinn. Ludwig Pfyffers Leben ist hervorragend dokumentiert. Deshalb wissen wir auch von den vielen Goldketten und Gnadenpfennigen, die ihm seine zufriedenen Auftraggeber schenkten.

Unter einem Gnadenpfennig versteht die Numismatik ein Geschenk in Form einer Münze oder einer Medaille, zumeist aus Gold. Auf Porträts und Grabdenkmäler liess sich die frühneuzeitliche Elite gerne mit all ihren goldenen Ketten darstellen, an denen immer nur ein einziger Gnadenpfennig hängt. Denn der Gnadenpfennig war ein Unterpfand der Loyalität. Den Gnadenpfennig eines Herrschers zu tragen, bedeutete gleichzeitig ein sichtbares Zeichen der Treue zu setzen.

Wie sich die Übergabe eines solchen Gnadenpfennigs abspielen konnte, erfahren wir ebenfalls aus der Biographie von Ludwig Pfyffer: Am 8. Dezember 1582 gehört er zu denen, die der französische Gesandte nach langen und mühsamen Verhandlungen bei sich empfängt. Endlich hat man sich geeinigt. Obwohl König Heinrich III. in Geldverlegenheit ist und momentan nicht zahlen kann, erhält er 11 Kompanien. 3.300 Schweizer ziehen für ihn in den Krieg. Ihre Hauptleute leisten an eben jenem 8. Dezember den Treueeid auf die französische Krone. Danach werden sie beschenkt - und zwar nach Bedeutung und Stand sorgfältig abgewogen. Teil des Geschenks ist eine goldene Kette. Die schwerste wiegt 700, die leichteste 200 Écus. An allen aber hängt der Gnadenpfennig im Gewicht von 12 Écus mit dem Porträt des Königs.

 

Porträt des Ludwig Pfyffer aus Luzern mit goldenen Ketten und Gnadenpfennig.

Vielleicht ist es tatsächlich dieser Gnadenpfennig, den Ludwig Pfyffer auf seinem Porträt trägt. Vielleicht ist es ein anderer. Das Porträt wurde in Pfyffers letzten Lebensjahren angefertigt; und er hat viele Münzen als Geschenk seiner Auftraggeber erhalten.

 

Grosse Verdienstmedaille der Stadt Bern von 1752 an einer Goldkette. Berner Historisches Museum. Foto: KW.

Die meisten Grossgoldmünzen, die im 17. und 18. Jahrhundert geprägt wurden, waren allerdings nicht dazu bestimmt, an einer Kette getragen zu werden. Es handelte es sich bei ihnen um wertvolle Geschenke, die ein Diplomat, ein Bürger, ein Militär von seiner eigenen oder einer fremden Staatsmacht erhalten hatte.

Sie wurden gerne zur Repräsentation aufbewahrt und Besuchern, die man beeindrucken wollte, gezeigt. Allerdings nur, solange es sich die Familie leisten konnte. Denn natürlich liessen sich Grossgoldmünzen jederzeit zu Zahlungen einsetzen.

Geschenkökonomie

Die Soziologie spricht in diesem Zusammenhang von der so genannten Geschenkökonomie. Gemeint ist damit eine Wirtschaftsform, die nicht den Gegenstand und seinen Wert ins Zentrum stellt, sondern die Verbindung die der Vorgang des Schenkens zwischen zwei Menschen herstellt. 

Jedes Geschenk wird zu einer Option auf die Zukunft. Denn jeder Schenkende erwartet ein Gegengeschenk. Tradition und Ehrempfinden stellten sicher, dass er es erhält. Wann und in welcher Form, ist seiner Kontrolle entzogen. Ein Geschenk konnte alles sein. Das reichte vom Hasenfell für den Gichtgeplagten über den Senf, den die Haushälterin besonders gut anfertigte, und Samen von exotischen Pflanzen, bis hin zu silbernen Bechern und Geld. Von zentraler Bedeutung war die sorgfältige Kalkulation des Wertes, denn jeder Schenkende spiegelte mit seinem Geschenk den eigenen Rang. Der Höherstehende sah sich in der Verpflichtung, das grössere Geschenk zu überreichen.

Diese private Geschenkökonomie spielte auch im staatlichen Bereich eine Rolle. Teil jeder Entlohnung von Staatsdienern war ein regelmässiges Geschenk, das zu genau definierten Ereignissen überreicht wurde. Die wichtigsten Termine waren das «Gute Neue Jahr» in Stadtrepubliken resp. der Geburtstag des Herrschers in Autokratien.

Auch auf staatlicher Ebene spielte die Anpassung des Geschenks an den sozialen Status und das Verdienst eine zentrale Rolle. Deshalb entwickelten sich im 17. Jahrhundert Münzen zur zentralen Gabe. Nichts liess sich leichter und genauer hinsichtlich des Werts proportionieren als eine Münze. Dass so viele schwere Goldmünzen in so vielen unterschiedlichen Werten ausgeprägt wurden, hat hier seinen Ursprung.

 

Der Grosse Rat von Bern empfängt einen Gesandten, wahrscheinlich von Venedig. Unbekannter Berner Maler um 1600 / 1615. Berner Historisches Museum..

Geschenkdiplomatie

Gerne wurden numismatische Geschenke im diplomatischen Verkehr genutzt. Auch hier waren sie Gradmesser des Standes. Der Höherstehende versuchte, seine Überlegenheit durch die grössere Münze auszudrücken. Dass besonders am Habsburger Kaiserhof so grosse Goldmünzen entstanden, hat seine Ursache in der Tatsache, dass der Kaiser es sich nicht leisten konnte, sich im Wettstreit der Geschenke übertreffen zu lassen.
 

The Zurich mayor Waser invokes the alliance in front of Louis XIV at Notre-Dame de Paris in 1663. Bern History Museum.

Wie viele Mehrfachdukaten im 17. und 18. Jahrhundert in der Schweiz entstanden, ist ein Indikator dafür, wie wohlhabend die Schweizer Städte im Barock waren. Sie leisteten sich die besten Künstler, damit die Grossgoldmünzen den Beschenkten durch ihr Gewicht und ihre Schönheit beeindruckten.

Geschenke als Teil von Festen

Bedeutende Städte wie Basel, Bern oder Zürich prägten regelmässig Grossgoldmünzen. Andere, kleinere Städte und Fürsten konnten sich das nur zu ganz besonderen Anlässen leisten. Denn auch während grosser Feste spielten Münzen, später Medaillen, eine zentrale Rolle. Sie wurden an die Besucher und Teilnehmer zeremoniell verteilt, um sie noch viele Jahre später an das Ereignis zu erinnern. Deshalb sind Münzen und Medaillen oft von den Motiven anderer - meist flüchtiger - Kunstwerke inspiriert, wie sie im Rahmen eines Festes entstanden. Leider zeugt nur selten ein Kupferstich, ein Festprogramm oder ein Kunstwerk davon, mit welchem Ereignis eine Prägung in Verbindung stand. So ist uns eigentlich fast immer der historische Hintergrund für die Prägung dieser Münzen verloren.

Jede einzelne dieser besonderen Goldmünzen, wie sie in der SINCONA Lake View Collection angeboten werden, hat eine spannende, eine aufregende Geschichte. Wir wollen Ihnen einige wenige davon erzählen und Sie anregen, mehr über die Schweizer Vergangenheit herauszufinden. 

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